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Artikel von John Blase

Erzähl mir eine Geschichte

„Es war einmal.“ Das sind vielleicht die eindrücklichsten Worte auf der ganzen Welt. Einige meiner ersten Erinnerungen aus der Kindheit drehen sich um diesen kurzen Satz. Meine Mutter kam eines Tages mit einem großen Band biblischer Geschichten nach Hause. Jeden Abend, bevor das Licht ausgeschaltet wurde, warteten mein Bruder und ich gespannt darauf, was sie uns diesmal über jene alten, längst vergangenen Zeiten vorlesen würde. Es waren Geschichten über interessante Menschen und den Gott, der sie liebte. Die Geschichten wurden für uns wie eine Linse und prägten unsere Sicht auf die große Welt.

Mehr als das bloße Auge sieht

Schaut man einem amerikanischen Rodeo mit Reit- und Lasso-Darbietungen zu, sieht man sie . . . Wettbewerber mit vier Fingern an einer Hand und einem Stummel, wo der Daumen sein sollte. Es ist eine typische Verletzung in dieser Sportart. Der Finger verfängt sich an einem Ende im Lasso und ein großer Bulle zieht am anderen Ende. Üblicherweise ist der Daumen der Verlierer. Auch wenn das nicht die Karriere beendet, so verändert ein fehlender Daumen die Dinge. Versuche doch einmal, ohne den Daumen deine Zähne zu putzen oder ein Hemd zuzuknöpfen, dein Haar zu kämmen, deine Schuhe zu binden oder zu essen. Dieser kleine, oft übersehene, Teil deines Körpers spielt eine wichtige Rolle.

Wir sind Staub

Der junge Mann war mit seiner Geduld am Ende. „Eis! Eis!“, schrie sein kleiner Sohn mitten im Einkaufszentrum. Die Leute drehten sich bereits nach ihm um. „Ja, gleich, aber zuerst müssen wir noch etwas für Mama besorgen“, versuchte er den Kleinen zu beruhigen. Aber nichts da. „Neiiin! Ich will Eis!“, erklang es. Und da kam sie schon um die Ecke: eine zierliche, gut gekleidete Frau, die Schuhe Ton in Ton mit der Handtasche. „Er hat gerade einen Anfall“, erklärte der Vater. Die Frau lächelte. „Mir scheint eher, der Anfall hat ihn“, erwiderte sie. „Du darfst nicht vergessen, wie klein er noch ist. Du musst Geduld mit ihm haben und in der Nähe bleiben.“ Die Situation war noch nicht geklärt. Aber Vater und Sohn konnten sich erst einmal beruhigen.

Leben in vollen Zügen

Es war das Jahr 1918, kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, und der Fotograf Eric Enstrom stellte eine Mappe seiner Arbeiten zusammen. Diese Mappe sollte ein Gefühl der Fülle in einer Zeit vermitteln, die sich für so viele Menschen ziemlich leer anfühlte. Auf seinem inzwischen sehr beliebten Foto sitzt ein bärtiger alter Mann mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen an einem Tisch. Auf dem Tisch vor ihm liegen nur ein Buch, eine Brille, eine Schüssel Brei, ein Brot und ein Messer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ein Lebensstil des Lobes

Die Mutter des Autors Wallace Stegner starb im Alter von fünfzig Jahren. Als Wallace achtzig war, schrieb er ihr schließlich eine Notiz, „Brief, viel zu spät“, in der er die Tugenden einer Frau lobte, die aufwuchs, heiratete und zwei Söhne großgezogen hatte. Sie war die Art von Frau und Mutter, die ermutigend wirkte, selbst für diejenigen, die nicht so erwünscht waren. Wallace erinnerte sich an die Stärke, die seine Mutter durch ihre Stimme zeigte. Stegner schrieb: „Du hast keine Gelegenheit ausgelassen, um zu singen.“ Stegners Mutter sang, solange sie lebte, dankbar für große und kleine Segnungen.

Vergiss nicht den Geber

Es war kurz vor Weihnachten und ihre Kinder hatten ein Problem mit der Dankbarkeit. Sie wusste, wie leicht es war, in diese Art Denken zu verfallen. Sie wusste aber auch, dass sie für die Herzen ihrer Kinder etwas Besseres wollte. Also ging sie durch das Haus und verteilte rote Schleifen an den Lichtschaltern, den Küchenschranktüren und der Tür des Kühlschranks, der Waschmaschine und des Trockners und den Wasserhähnen. An jeder Schleife befand sich ein handgeschriebener Zettel: „Einige der Geschenke, die Gott uns gibt, werden leicht übersehen, darum habe ich sie mit Schleifen versehen. Er ist so gut zu unserer Familie. Lasst uns nicht vergessen, wo die Geschenke herkommen.“

Auserwählt

Ein riesiger Thronsaal. Auf dem Thron sitzt der große König. Er ist umgeben von allen möglichen Bediensteten. Alle zeigen ihr bestes Verhalten. Zu Füßen des Königs steht ein Kästchen. Von Zeit zu Zeit beugt er sich vor und lässt seine Finger durch den Inhalt gleiten. Was ist darin? Juwelen, Gold und Edelsteine, wie sie dem König gefallen. Das Kästchen enthält den Schatz des Königs, eine Sammlung, die ihm große Freude bereitet. Können wir uns das vor unserem inneren Auge vorstellen?

Ein stilles Leben finden

„Was willst du werden, wenn du groß bist?“ Wir alle haben als Kinder diese Frage gehört und manchmal sogar als Erwachsene. Die Frage entspringt der Neugier, aber die Antwort wird oftmals als Hinweis auf die Ambition verstanden. Meine Antworten veränderten sich mit den Jahren. Zunächst wollte ich Cowboy werden, dann Lastwagenfahrer, dann Soldat und als ich schließlich auf die Uni ging, tat ich es, um Doktor zu werden. Aber zu keinem Zeitpunkt schlug mir jemand vor, dass ich „ein ruhiges Leben“ führen solle.

Vertrau deiner Rüstung

Als junger Autor fühlte ich mich oft unsicher, wenn ich an Schreibworkshops teilnahm. Ich schaute mich um und sah Räume, die mit Riesen gefüllt waren—Menschen mit einer formalen Ausbildung oder jahrelanger Erfahrung. Ich hatte nichts davon. Aber was ich hatte war ein Ohr, das durch die Sprache, den Ton und den Kadenzen der King James Bibel geformt war. Das war quasi meine Rüstung. Daran war ich gewöhnt und indem ich zuließ, dass dies meinen Schreibstil und meine Stimme prägte, wurde es mir, und hoffentlich auch anderen, zur Freude.

Das letzte Wort

Sie hieß Saralyn und während unserer Schulzeit war ich wohl etwas verknallt in sie. Sie hatte das schönste Lachen. Ich weiß nicht, ob sie von meiner Schwärmerei wusste, aber vermutlich tat sie es. Nach der Schulzeit habe ich sie aus den Augen verloren. Unsere Wege führten in unterschiedliche Richtungen, wie das häufig der Fall ist.

Grund zum Singen

Für einen Mann mit Prinzipien, wie mich, war es das totale Versagen. Was war passiert? Ich war eingeschlafen! Unsere Kinder müssen, wenn sie am Abend ausgehen, zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein. Auf sie ist Verlass. Aber normalerweise bleibe ich auf, bis ich den Schlüssel im Schloss der Eingangstür höre. Ich will wissen, dass sie sicher wieder zu Hause angekommen sind. Ich muss das nicht machen. Es ist meine Entscheidung. Aber eines Abends weckte meine Tochter mich lächelnd auf mit den Worten: „Papa, ich bin wieder da. Du kannst jetzt ins Bett gehen.“ Trotz bester Absichten schläft auch ein Vater manchmal auf seinem Posten ein. Es war sehr peinlich. Und auch sehr menschlich.

Etwas zum Prahlen

Was bedeutet es, echt zu sein? Das ist die große Frage, die in dem kleinen Kinderbuch Der kleine Kuschelhase beantwortet wird. Es ist Geschichte von Spielzeugen in einem Kinderzimmer und die des Kuschelhasen auf seinem Weg echt zu werden, indem er es zulässt, von einem Kind geliebt zu werden. Eines der anderen Spielzeuge ist das alte und weise Schaukelpferd. Es „sah zu, wie eine lange Reihe von mechanischen Spielzeugen ankam, um zu prahlen und anzugeben und schließlich nacheinander zu zerbrechen . . . und zu sterben“. Sie sahen und hörten sich beeindruckend an, aber ihre Prahlerei war letztendlich nichts wert, wenn es um Liebe ging.

Leben, was wir predigen

Der Pastor und Autor Eugene Peterson erhielt die Möglichkeit, eine Vorlesung des Schweizer Arztes und Seelsorgers Paul Tournier zu hören. Peterson hatte die Werke des Doktors gelesen und bewunderte seinen Heilungsansatz. Die Vorlesung hinterließ einen tiefen Eindruck bei Peterson. Während er zuhörte, hatte er das Gefühl, dass Tournier das lebte, was er sprach und sprach, was er lebte. Um seine Erfahrung zu beschreiben, wählte Peterson das Wort: „Kongruenz bzw. Deckungsgleichheit, was besseres fällt mir nicht ein.“

Verpass nicht die Gelegenheit

„Verpasse nie die Gelegenheit, deinen Kindern den Mond zu zeigen!“, sagte sie. Ehe unsere Bibelstunde begann, unterhielten wir uns über den Herbstmond der letzten Nacht. Der Vollmond war bemerkenswert, da er auf dem Horizont zu sitzen schien. Frau Webb war eine ältere, grauhaarige Frau mit einer ausgeprägten Liebe zu Gottes großartiger Schöpfung. Sie wusste, dass meine Frau und ich zwei Kinder hatten und sie wollte mir helfen, sie auf einen guten Weg zu bringen. Verpasse nie die Gelegenheit, deinen Kindern den Mond zu zeigen!

Lebendige Erinnerung

Ich bin in einer Kirche voller Traditionen aufgewachsen. Eine kam ins Spiel, wenn ein Familienmitglied oder Freund starb. Oft sah man schon kurz darauf an einer Kirchenbank oder einem Porträt im Eingangsbereich eine Bronzeplakette mit den Worten: „In Memoriam …“ und dem Namen des Verstorbenen. So wurde an das Leben des Dahingeschiedenen erinnert. Ich habe diese Schilder immer gemocht. Andererseits haben sie mir auch immer zu denken gegeben, weil sie statische, unbelebte Objekte sind und nichts Lebendiges. Kann man ein Gedenken nicht in irgendeiner Weise lebendiger gestalten?

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